| Clémence Ruben |
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| Ich bin eine TransFrau Zum Inhaltsverzeichnis von den Texten |
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| Mein Gesicht Juli 26
Nur im Spiegel sehe ich es. Sonst ja nicht. Einige Spiegel hängen tiefer. Ohne Gesicht. So ist es einfacher, damit umzugehen. Am Morgen schaue ich oft in den Spiegel. Ungeschminkt ist es nicht so einfach anzunehmen. So schaue ich durch mein Gesicht hindurch und sehe mich innerlich als Frau. Dann wird das Gesicht unwichtiger. Aber geschminkt sehe ich mich auch äusserlich als Frau. Natürlich erkennt man trotzdem das Männliche, aber ich zeige, dass hinter diesem Gesicht eine Frau wohnt. Jetzt hängen die Spiegel höher. Und ich schminke mich mehr. Geschminkt brauche ich immer wieder einen Blick in den Spiegel. Weil ich mir dann gefalle und mich ja nur im Spiegel reflektiere, und ich erblicke eine Frau! Auch ungeschminkt brauche ich den Spiegel, dann aber mehr mit einem Blick auf die Kleider. Ich brauche eine äussere Bestätigung der TransFrau. Das tut so gut. Für meine Gäste und Freunde schminke ich mich immer. Auch wenn ich ausser Haus gehe. Um das geschminkte Gesicht herum trage ich Ohrringe und habe lange Haare. Weibliche Kleidung, Strümpfe, High Heels und Schmuck. So kann man annehmen, dass ich eine TransFrau bin. Oder? Wenn ich junge TransFrauen sehe, welche mit Hormonen und Operationen weiblich und schön aussehen, hätte ich das auch gerne. Es ist meine Sehnsucht, ein Frauengesicht zu haben. Aber das ist für mich nicht möglich, schon von meinem Alter her. Und ich möchte nicht mit Hormonen arbeiten, geschweige denn mit Operationen. Ich möchte natürlich bleiben. Ich muss es akzeptieren, wie es ist. Junge TransFrauen brauchen sich kaum zu schminken, so perfekt sind sie, manchmal aber auch etwas künstlich. Viele wollen möglichst nach Frau aussehen. Aber ich verstehe sie gut, weil man dann auch ungeschminkt im Spiegel weiblich aussieht. Wenn man jung ist, braucht es nicht viel, um weiblicher auszusehen. Jung wurde ich oft als Frau angeredet. Es störte mich gar nicht. Man sieht fast immer dahinter das männliche Gesicht, was interessant ist. Man könnte auch das Männliche mit dem Weiblichen kombinieren und es bewusst gestalten, wie Kunst. Dazu stehen, dass man eine TransFrau ist, nicht eine Frau. Man muss nicht ein makelloses Frauengesicht haben. Dafür hat man ein fabelhaftes Transfrau-Gesicht, so wie es ist, oder wie man es bewusst gestaltet hat. Wichtig ist, dass es für einen selbst stimmt, nicht für die anderen. Ich habe mich letztens auf Fotos von Gästen gesehen. Auf einigen sehe ich wirklich weiblich aus, das freut mich sehr. Dann gibt es solche, bei denen ich trotz Schminke ziemlich männlich aussehe. Das tut etwas weh. Aber Fotos sind zum Glück nicht real. Im Alter können Männer weiblicher aussehen und Frauen männlicher. Das kommt von den Hormonen. So bin ich jetzt im Vorteil. Meinen Bart rasiere ich möglichst gut, den könnte ich vielleicht mal weglasern lassen. Es ist so männlich. Die Haare trage ich oft als Bürzi, das macht mein Gesicht rundlich. Oder ich drehe sie und befeuchte sie, dann sind sie sehr gelockt. Einen seitlichen Schwanz mag ich sehr, weil man den von vorn sieht. Und dann ist da noch die Stimme. Die kommt aus dem Gesicht. Sie klingt nicht richtig und bleibt männlich. Man kann sie höher trainieren. Auch mit Hormonen, Blockern oder Operationen lässt sich was machen, je nach Alter. Für mich ist sie manchmal schwierig. Vor allem, wenn ich mich mal viel reden höre. Aber ich stehe zu meiner Stimme. Eine TransFrau darf so eine Stimme haben. Und so kann ich sie akzeptieren. Ich schminke mich gerne. Im Spiegel sehe ich dann eine Frau, schaue mir in die Augen und gefalle mir. So mag ich mich und habe Freude. So sehe ich ein älteres Transfrau-Gesicht. So eine Bestätigung tut immens gut! Die Augen schminke ich meistens stark und sehr farbig. Ich habe hängende Augenlider und schminke darüber. Wichtig finde ich einen schönen und spannenden Farbverlauf, passend zur Kleidung oder zum Schmuck. Und zu meiner Kunst! Ich experimentiere auch gerne. Ich male schwarze Punkte oder Linien auf das Augenlid, das wirkt wie Wimpern. Es muss etwas grafisch sein. Oder ich schminke weit auf die Seite zu den Ohren. Oder am unteren äusseren Augenlid ganz wenig eine Kontrastfarbe. Die Brauen sind schwierig. Die Farbe muss zum Haar passen oder ganz verschieden sein, was schnell mal etwas komisch aussieht. Aber dunkle Balken mag ich nicht. Ich habe keine langen Wimpern. Mascaras sind schwierig. Also mache ich eher dunkle Ränder, das wirkt ähnlich. Lange Wimpern sind so etwas Megaweibliches. Und etwas Rouge für die Wangen, wobei ich oft Pink nehme. Das gibt so Wärme ins Gesicht. Die Lippen sind nicht leicht, die Symmetrie muss stimmen. Meine sind nicht symmetrisch, da muss ich korrigieren. Es gibt so verschiedene Lippenstifte. Bei manchen klebt einem der Mund zu. Am besten finde ich die mit zwei Komponenten, der Farbe und dem Glanz. Man spürt ihn sozusagen nicht und er hält gut. Aber auch den hat man irgendwann gegessen. Manchmal schminke ich mit Lippen-Tints meine Brustwarzen. Damit sie in einem Kleid aus Spitze oder in einem halbdurchsichtigen Top schön zeichnen und gesehen werden. Die sind für mich wichtig. Wichtiger als eine grosse Brust. Schminken ist wie Schmuck, es behält das Original, es ist auf dem Gesicht, man sieht meine unreine Haut, es bleibt lebendig. Deshalb mache ich auch keinen Fond de Teint, der tötet ab. Manchmal vergesse ich das Abschminken, das Kissen wird dann so ziemlich rosig. Aber in Rosa schlafe ich gut. |
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